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Die Wirtschaft holt neuen Schwung (Konjunkturbericht, Mai 2012)
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Die konjunkturellen Auftriebskräfte hatten im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres spürbar an Kraft verloren. Trotzdem hat sich die regionale Wirtschaft gut behaupten können. Dank ihrer hohen Wettbewerbsfähigkeit und ihrer weltweiten Präsenz haben die hiesigen Unternehmen ihre Geschäfte auf hohem Niveau weiter führen können. So fallen im Frühsommer 2012 zwar die aktuellen Lageurteile nicht mehr ganz so hervorragend aus wie noch zu Beginn des Jahres, trotzdem geht es der regionalen Wirtschaft weiterhin sehr gut. 94 Prozent der Unternehmen melden eine gute bzw. befriedigende aktuelle Lage, nur sechs Prozent klagen über schlecht laufende Geschäfte.
Somit befindet sich die regionale Wirtschaft weiterhin in einer sehr guten Ausgangsposition, um erneut kräftig durchzustarten. Dank einer wieder leicht anziehenden Nachfrage, fällt auch der Blick auf die weitere Entwicklung in den kommenden Monaten wieder zuversichtlicher aus als vier Monate zuvor. Die Zahl der Optimisten ist um sechs Punkte auf 30 Prozent angestiegen. Der Anteil der Pessimisten ist von 17 auf 12 Prozent gesunken. Neben Asien versprechen sich die hiesigen Betriebe zusätzliche Impulse aus dem Amerikageschäft. Die anhaltend positiven Investitions- und Beschäftigungspläne werden weiterhin die Binnennachfrage stützen. Sofern dieser positive Trend nicht durch eskalierende Tarifkonflikte oder eine erneute Zuspitzung der Eurokrise ausgebremst werden sollte, dürfte die konjunkturelle Belebung im zweiten Halbjahr 2012 weiter an Fahrt aufnehmen.
Auch in den ersten Monaten dieses Jahres haben sich die Unternehmen aus der Region weder von der schwächelnden Nachfrage aus den Euro-Krisenländern, von den anhaltend hohen Energie- und Rohstoffpreisen noch von dem vorübergehenden Kälteeinbruch unterkriegen lassen. Die Umsätze sind im Vorjahresvergleich weiter gestiegen, wenn auch mit nachlassender Rate. Die Kapazitätsauslastung ist lediglich um einen weiteren Prozentpunkt auf aktuell 85 Prozent zurückgegangen. Sie liegt damit weiterhin deutlich über ihrem langfristigen Durchschnitt von 80 Prozent und nur drei Prozentpunkte unterhalb ihres Maximums im aktuellen Aufschwung aus dem Frühjahr letzten Jahres. Auch mit der Gewinnentwicklung sind die meisten Betriebe weiterhin recht zufrieden. Zwar ist die Zahl der Betriebe mit guter Ertragslage vor allem aufgrund gestiegener Kosten für Energie- und Rohstoffe überwiegend zugunsten der Unternehmen mit befriedigender Gewinnsituation etwas zurückgegangen. Die Zahl der Betriebe, die über eine schlechte Ertragslage klagen, stieg jedoch lediglich um einen Prozentpunkt auf elf Prozent.
In der Folge bewertet die regionale Wirtschaft ihre aktuelle Geschäftslage zwar etwas zurückhaltender als zu Jahresbeginn, jedoch weiterhin als überdurchschnittlich gut: Während der Anteil der Unternehmen mit gut laufenden Geschäften seit dem Beginn des Jahres um drei Prozentpunkte auf 49 Prozent zurückgegangen ist, hat die Zahl der Betriebe, die ihre derzeitige Situation als befriedigend bzw. schlecht einschätzen, jeweils um knapp zwei Punkte auf 46 bzw. elf Prozent zugenommen. Diese Entwicklung beruht dabei vor allem auf der veränderten Lageeinschätzung durch die Industrie. Denn die schwächere Nachfrage aus den südeuropäischen Krisenländern hat vor allem Industriebetriebe getroffen, deren Exportperformance in überdurchschnittlichem Maße von der Nachfrageentwicklung aus diesen Ländern abhängt. Die veränderte Lagebewertung im Dienstleistungssektor entspricht dagegen in etwa dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Dagegen melden sowohl das Baugewerbe als auch der Handel sogar eine verbesserte aktuelle Situation. Der Bau profitiert von einer guten Auftragslage im Wohnungs- und gewerblichen Hochbau dank niedriger Zinsen und gestiegenen Inflationsängsten. Im Handel überwiegt die aufgrund des steigenden privaten Konsums verbesserte Lageeinschätzung des Einzelhandels, die Lageverschlechterung im Großhandel, der seiner überwiegend industriellen Kundschaft folgt.
Insgesamt befindet sich die Wirtschaft damit weiterhin in einer überdurchschnittlich guten Ausgangslage. Der IHK-Geschäftslageindikator, der die Differenz zwischen den positiven und negativen Lageurteilen misst, liegt mit knapp 43 Punkten weiterhin mehr als deutlich über seinem langfristigen Durchschnitt von zwölf Prozentpunkten. Folglich ist die regionale Wirtschaft bereit, bei einer erneuten Belebung der Nachfrage nach ihren Produkten und Diensten wieder durchzustarten, um kräftig an Schwung aufzunehmen und die kleine Konjunkturdelle schnell wieder hinter sich zu lassen.
Und diese Belebung hat, wenn auch noch etwas zaghaft, bereits begonnen: Der Auftragseingangsindikator, der die aktuelle Nachfragetendenz angibt, hat nach einem kräftigen Einbruch im Herbst letzten Jahres und einem erneuten Rückgang zu Jahresbeginn erstmals wieder zulegen können. Er liegt mit aktuell gut 15 Prozentpunkten dreimal so hoch wie zu Jahresbeginn, ist jedoch auch noch weit von der schwungvollen Nachfrageentwicklung im letzten Frühjahr entfernt (43 Prozentpunkte). Während das Verkehrsgewerbe eine kräftig steigende Nachfrage sowohl aus dem In- als auch dem Ausland verspürt, kommen die neuen Nachfrageimpulse in der Industrie vor allem aus dem Ausland. Hier hat insbesondere der Export in die asiatischen Schwellenländer sowie die Nachfrage aus Nordamerika angezogen. In der Bauwirtschaft verzeichnen der private Wohnungsbau und der gewerbliche Hochbau Zuwächse, bei den Dienstleistern hat sich die steigende Tendenz im Auftragsvolumen kaum verändert. Die auslandsorientierten Unternehmen aus allen Wirtschaftszweigen beurteilen ihre Chancen im Auslandsgeschäft auch über die aktuellen Nachfragetendenzen hinaus zunehmend optimistisch. Ein Drittel von ihnen rechnet mit erneut steigenden Exporten, nur jeder neunte Betrieb befürchtet Einbußen im Auslandsgeschäft.
Parallel zum Aufragseingang hat sich auch die Stimmung in der regionalen Wirtschaft aufgehellt. Der Blick der Unternehmen auf die kommenden zwölf Monate fällt spürbar optimistischer aus als noch zu Beginn dieses Jahres: Der Anteil der Unternehmen, der mit einer Verschlechterung seiner Geschäfte rechnet, ist von 17 auf 12 Prozent gesunken. Die Zahl der Optimisten ist um knapp vier Prozentpunkte auf 30 Prozent geklettert und auch der Anteil der Betriebe, die von einer gleich bleibenden Entwicklung auf dem bereits erreichten hohen Niveau ausgehen, konnte um knapp zwei Prozentpunkte auf 58 Prozent zulegen. Gingen die meisten Branchen zuvor von einem eher stagnierenden Geschäftsverlauf im Jahr 2012 aus, so ist die Zuversicht im Frühsommer in alle Wirtschaftszweige zurückgekehrt. Derzeit überwiegen die stimulierenden Faktoren die Konjunkturrisiken, so dass die regionale Wirtschaft wieder auf einen Wachstumskurs zurückgeschwenkt ist. Die Gefahr, dass sich einzelne Risiken erneut zuspitzen und die Stimmung kippen lassen könnten, ist jedoch keineswegs gebannt.
Im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit steht vor allem die Verschuldungskrise in Europa, die in den letzten Monaten aus Sicht der Wirtschaft tendenziell an Brisanz verloren hat. Jedoch zeigt die ungewisse Regierungsbildung nach den Parlamentswahlen in Griechenland, die die Risikoprämien der südeuropäischen Euroländer an den internationalen Kapitalmärkten gleich wieder nach oben schießen lassen hat, dass die Gefahr einer weiteren Eskalation der Krise keineswegs gebannt ist. Mit dem Wahlsieg des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Hollande in Frankreich wird es vor allem vom Verhandlungsgeschick der Regierung des prosperierenden Deutschlands abhängen, ob es der Europäischen Währungsunion gelingt, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, die den von der Krise gebeutelten Eurostaaten eine Wachstumsperspektive eröffnet ohne die Staatsverschuldung in Europa erneut ausufern zu lassen.
Konjunkturrisiko Nummer eins aus Sicht der Wirtschaft ist hingegen die Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise. 53 Prozent der Unternehmen sehen hierin ein Risiko für die eigene Geschäftsentwicklung. Sowohl eine stärkere Belebung der Weltwirtschaft als auch ein nachlassender Außenwert des Euro im Zuge einer wiederholten Zuspitzung der Verschuldungskrise, könnte die Preise für die international überwiegend in Dollar gehandelten Energie- und Rohstoffe weiter nach oben schnellen lassen. Damit würden sich auch die inflationären Tendenzen erhöhen und die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale steigen. Die Sorge um steigende Arbeitskosten hat innerhalb der Unternehmerschaft bereits merklich an Bedeutung gewonnen. Die Zahl der Betriebe, die in der Arbeitskostenentwicklung ein Konjunkturrisiko erkennen, ist seit Jahresbeginn von 28 auf 39 Prozent gestiegen. Die Betriebe befürchten, dass sich in den anstehenden Tarifverhandlungen übermäßige Lohnerhöhungen durchsetzen könnten, weil die Arbeitsgeber hoffen, aufgrund der robusten Konjunktur die steigenden Arbeitskosten über höhere Absatzpreise weiterreichen zu können. Daraus könnte sich im ungünstigsten Falle eine Spirale entwickeln, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln. Zwar müsste die Europäische Zentralbank mit einer Anhebung der Zinsen reagieren, um Konsum und Investitionen und damit den Anstieg des Preisniveaus zu drosseln. Jedoch würde eine restriktivere Geldpolitik die Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien, Italien und Portugal verschärfen und die Refinanzierungsprobleme bei der Staatsverschuldung dieser Staaten potenzieren. Auf jeden Fall würde eine Lohn-Preis-Spirale die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft gefährden und die Erfolge der moderaten Lohnentwicklung aufs Spiel setzen.
Der sich auf dem Rekordtief von einem Prozent befindende Leitzins der EZB ist jedoch auf der anderen Seite auch ein wichtiger, die Konjunktur stimulierender Faktor für die Wirtschaft in Deutschland wie auch der Region Stuttgart. Er trägt nämlich nicht unwesentlich zu günstigen Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen bei, die insbesondere die Investitionspläne der Wirtschaft, aber auch den privaten Wohnungsbau beflügeln. Das bestätigen auch die Meldungen der Kreditinstitute: Die Mehrheit der Banken registriert eine steigende Kreditnachfrage von Privat- (50 Prozent) wie auch von Firmenkunden (53 Prozent). 67 Prozent der Institute berichten zudem von einer steigenden Kreditvergabe für Investitionen. Auch ihre Firmenkunden bewerten derzeit ihren Zugang zu externen Finanzierungsmöglichkeiten wie Krediten oder Leasing mehrheitlich (61 Prozent) als befriedigend oder gut. Weitere 31 Prozent benötigen keine externe Finanzierung. Nur wenige Betriebe (fünf Prozent) beurteilen ihren Zugang zu Krediten und anderen externen Finanzierungsinstrumenten als schlecht. Knapp drei Prozent der Unternehmen haben die benötigte externe Finanzierung nicht erhalten. Von den Unternehmen, die über keinen bzw. einen schlechten Zugang zur externen Finanzierung berichten, klagt eine große Mehrheit (71 Prozent) über zu hohe Anforderungen an Sicherheiten. 28 Prozent bemängelt zu aufwendige Dokumentationspflichten und sonstige Unannehmlichkeiten. Für 23 Prozent waren die Zinsen zu hoch. Jeder fünfte Betrieb begründete seine ungünstige Bewertung damit, dass die Kreditinstitute einen zu hohen Eigenanteil bei der Finanzierung einforderten.
Dass die Investitionspläne der regionalen Wirtschaft für die kommenden Monate im Vergleich zum Jahresbeginn nur geringfügig positiver ausfallen, dürfte daher nicht an den Finanzierungsbedingungen liegen, diese beflügeln mangels alternativer attraktiver Anlagegelegenheiten eher Investitionsaktivitäten. Die weiter bestehenden hohen Konjunkturrisiken und der noch zaghafte Optimismus der Unternehmen lassen viele Unternehmen dagegen noch vorsichtig agieren. Die Investitionspläne bleiben jedoch weiterhin aufwärts gerichtet: Ein Drittel aller im Inland investierenden Betriebe will in den kommenden zwölf Monaten sein Investitionsbudget erhöhen, nur jedes neunte Unternehmen sieht sich zu einer Reduzierung seiner Ausgaben für Inlandsinvestitionen gezwungen. Die expansivsten Investitionspläne hegen derzeit die Anbieter von Dienstleistungen. Die Zahl der Betriebe mit steigenden Budgets für Inlandsinvestitionen hat sich dagegen im Handel am kräftigsten erhöht. Auch die Pläne der Industrie deuten weiterhin auf steigende Investitionsaktivitäten hin, auch wenn rund fünf Prozent der Betriebe mit zuvor expansiven Investitionsplänen ihre diesbezüglichen Ausgaben jetzt eher konstant lassen wollen.
Auch der private Konsum dürfte eine wichtige Konjunkturstütze für die regionale Wirtschaft bleiben. So sieht der Handel derzeit keine Anzeichen für eine Verschlechterung der Kaufneigung seitens der Konsumenten. Er rechnet im Gegenteil mit einer positiven Umsatzentwicklung. Auch die Beschäftigungspläne der regionalen Wirtschaft geben keinen Anlass zum Zweifeln. Sie fallen zwar minimal ungünstiger aus als zu Jahresbeginn, jedoch bleiben sie aufwärts gerichtet: Mit einem Anteil von 24 Prozent wollen doppelt so viele Betriebe Personal einstellen als entlassen.
Bleiben gravierende Konjunkturschocks aus (keine Eskalation der europäischen Staatsverschuldungskrise, weder die Energie- und Rohstoffpreise noch die Löhne und Gehälter schießen durch die Decke), wird die regionale Wirtschaft in den kommenden Monaten weiter an Fahrt aufnehmen.
Konjunkturbericht der Bezirkskammer Böblingen, Herbst 2011 Download
Konjunkturbericht der Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen, Februar 2012 Download
Ergebnisse der IHK-Konjunkturumfrage der Bezirkskammer Göppingen, Februar 2012 Download
Konjunkturbericht der Bezirkskammer Ludwigsburg, Februar 2012 Download
Konjunkturbericht der Bezirkskammer Rems-Murr, Februar 2012 Download
© Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart
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