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Integration: Am besten in der Arbeitswelt

Die jüngst beschlossene Absenkung des Mindestverdienstes für hochqualifizierte Ausländer aus Nicht-EU-Ländern von 66 000 auf 48 000 Euro ist ein Schritt in die richtige Richtung. Eine intelligente, bedarfsorientierte Zuwanderungspolitik ist das nicht. Eigentlich bräuchten wir für zuwanderungswillige Naturwissenschaftler, ITSpezialisten und Ingenieure und ihre Familien gar keine großen Hürden. Denn Deutschland ist für diese Menschen nicht die erste Adresse, wenn sie sich einen Job im Ausland suchen.

Seit 2008 hat Deutschland einen negativen Zuwanderungssaldo – es gehen mehr als kommen. Vor allem junge, hochqualifizierte Türken verlassen Deutschland. Dabei bräuchten wir sie, als Experten und Mitbürger, die auch einen Beitrag für unsere Sozialsysteme leisten. Bis ins Lager der Grünen tun sich viele Politiker schwer, Zuwanderungsregeln zu entwickeln, die an den Bedürfnissen unserer Gesellschaft ausgerichtet sind. Manchen gefällt nicht, dass Asyl- und Zuwanderungspolitik zwei unterschiedliche Themen sind, die man nicht länger in eine gesetzliche Regelung packen sollte. Viele fürchten zudem, dass Teile der Bevölkerung sich aus Angst vor Überfremdung Rechtspopulisten zuwenden. So ist es in manchen Nachbarländern zu beobachten. Zugegeben, Deutschland hätte seit Beginn der Zuwanderung in den 60er Jahren eine bessere Integrationspolitik machen können. Die erfolgreichere Integration fand in den Betrieben statt. Viele Unternehmer haben ihre ausländischen Beschäftigten in die Abläufe und Verantwortlichkeiten im Betrieb einbezogen. Die Teamarbeit am Arbeitsplatz wirkte sich positiv auf das Verhältnis zwischen deutschen und ausländischen Beschäftigten aus.

Dort, wo Stadtplanung Ghettos verhindert hat, wie etwa in Stuttgart, konnte sich auch in der Freizeit und für die Familien ein gutes Miteinander entwickeln. In der Region Stuttgart sind knapp 17 Prozent der über 2,6 Millionen Einwohner Ausländer, etwa zehn Prozent haben ausländische Wurzeln. In der Landeshauptstadt Stuttgart haben sogar rund 40 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Deutschland ist ein Einwanderungsland, die Region Stuttgart ein bevorzugtes Einwanderungsgebiet, in der Hunderttausende von Migranten ohne Konflikte untereinander und mit der deutschen Bevölkerung leben. Die Migranten sind fester Bestandteil vieler Belegschaften. Oft stand schon der Großvater auf der Gehaltsliste einer Firma, in der nun der Enkel beschäftigt ist. Migranten sind seit zwei Jahrzehnten in praktisch allen Bereichen der Arbeitswelt tätig und arbeiten als Wissenschaftler, Anwälte, Ärzte, Verwaltungsexperten, Lehrer oder Polizisten.

Angesichts dieser Integrationskraft der Arbeitswelt stellen einige tausend Hochqualifizierte aus Ländern außerhalb der EU eine überschaubare Herausforderung dar. In Österreich, Australien, Kanada oder den USA gibt es ein Punktesystem, das sich an Fähigkeiten und Sprachkenntnis der Zuwanderungswilligen sowie an ihrer Qualifikation orientiert. Dies könnte auch für Deutschland ein Vorbild sein. Doch eine solche moderne Zuwanderungspolitik ist vor fast zehn Jahren in Berlin an der Union gescheitert. Die Hinweise der Wirtschaft an die Politik, dass die Zuwanderung ein Baustein der Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel ist, in der IT-Branche sogar ein wichtiger, wurde bisher über alle Evaluierungen und Debatten hinweg ignoriert. Doch vielleicht findet die Partei der Bundeskanzlerin auch bei der Zuwanderungspolitik zu einer radikalen Kursänderung – wie zuvor bei Atomenergie, dreigliedrigem Schulsystem und Mindestlohn.

DOKUMENT-NR. 105493

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